Neues Arbeiten: Permanente Selbstoptimierung?

Wie kann der Mensch zum Gestalter des Neuen Arbeitens werden?

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Immer mehr und immer schneller – immer besser, immer höher, immer weiter: Immer perfekter! Bisher wurde der technologische Wandel als eine unbefleckte Verbesserung unserer Lebensbedingungen verstanden – die Digitalisierung mit einem Dienst am Menschen gleichgesetzt. Aber wie verhält es sich da mit der Praxis? Wie erklären sich Beobachtungen, wonach mehr und mehr von uns in einen Selbstoptimierungswahn abgleiten? Wo bleiben die Annehmlichkeiten des Fortschritts, wenn man alle Zeit darauf verwenden muss, mit den durch den forcierten Wandel in die Welt gesetzten Anforderungen Schritt halten zu wollen?

Trügerischer Fortschritt

Ein ganz simples Beispiel macht deutlich, mit welcher Logik wir als Menschen bisher die Digitalisierung aufgefasst haben: Die Erfindung der E-Mail machte es möglich, dass ich als Mensch, wenn ich mit einem anderen Menschen in Kommunikation treten möchte, der nicht greifbar ist, nun eine sehr viel einfachere und vor allem schnellere (zeitsparendere) Möglichkeit habe, um mein Ziel des kommunikativen Austauschs zu erreichen.

Das mag jetzt sehr banal erscheinen, aber ich möchte Sie bitten, dass Sie mir bei diesem einfachen Beispiel einfach weiterhin folgen. Denn der so oft und an vielen Stellen laut geforderte Bewusstseinswandel in Verbindung mit dem Neuen Arbeiten kann nur erreicht werden, wenn sich jeder einzelne Beteiligte des Wesentlichen auch bewusst ist.

Im Falle unserer E-Mail-Kommunikation sieht das wie folgt aus: Dadurch, dass wir nun nicht mehr mit unserem Brief zur Post gehen, diesen aufgeben und auf die Zustellung beim Empfänger sowie dessen Antwort warten müssen, haben wir enorm viel Zeit gewonnen. Wir tippen nun ganz einfach unsere Nachricht ab und drücken auf „Senden“: direkt landet die E-Mail im Posteingang des Empfängers und dieser kann sofort antworten. An genau diesem Punkt nun könnten wir uns einfach über diese schnellere Art der Kommunikation und die dadurch gewonnene Zeit freuen. Doch wie oft haben Sie dieses freudige Gefühl, wenn Sie eine E-Mail lesen? Und wie oft haben Sie eine freie Minute zwischen zwei, drei, vier, zwanzig E-Mails, die Sie dann auch noch sinnvoll (für sich) nutzen?

Wer ist Herr und wer ist Knecht in unserem Lebenslied?

Dieses einfache Beispiel zeigt die weitreichende Eigendynamik der Digitalisierung: Statt die gewonnene Zeit zu nutzen, verpacken wir sie mit immer mehr und noch mehr E-Mails, Aufgaben und Aktivitäten.

Gleichzeitig wird das Gefühl, dass wir keine Zeit haben, immer stärker. Wir gestehen den technisch-rationalen Errungenschaften so viel Macht zu, dass wir nicht länger Schöpfer und Herr der Digitalisierung sind. Nein, die Digitalisierung ist der Herr und wir sind der ausführende Knecht. Als Knecht sind wir automatisch permanent im Aufnahme-und-Tun-Modus.

Der Fehler in dieser Logik ist, dass der Mensch sich in der neuen, digitalen Welt und im damit verbundenen Neuen Arbeiten noch nicht als Mensch verstanden hat. Mensch ist gleich Herr, denn der Mensch hat die Digitalisierung konzipiert.

Stattdessen fungiert der Mensch als Instrument des Höher-Schneller-Weiter-Wahns, verliert sich darin, immer mehr und mehr leisten zu müssen und ist Ping-Pong-Ball des Neo-Kapitalismus.

Wenn der Mensch Instrument bleibt, dann bleibt ihm nichts anderes übrig als die permanente Selbstoptimierung, weil er sich auf einer Stufe mit den Technologien und Prozessen befindet und hier im Zugzwang der steten Optimierung und Perfektion mitgefangen ist. Wenn die Digitalisierung Herr bleibt, dann rationalisiert, automatisiert und optimiert sie eben fortlaufend nicht nur die Technologien und Prozesse, sondern auch die Menschen. Momentan ist die Digitalisierung Komponist unseres Lebensliedes, Optimierung ist ihre Melodie. Ist der Mensch weiterhin nur ein Instrument in diesem Lied, so muss auch er in dessen Weise mitschwingen. Das erschöpfte Selbst ist die logische Konsequenz dieses Zustandes.

Mehr als Ratio und Arbeitswesen – Emanzipation des Menschen

Wenn sich der Mensch bewusstmacht, dass er gegenwärtig nur Instrument ist, dann kann er sich hier auch seiner eigentlichen Position wieder gewahr werden: der des Schöpfers der digitalen Welt.

Zu diesem Schritt gehört gleichzeitig auch, dass der Mensch anerkennt, nicht nur Ratio und Arbeitswesen zu sein. Er ist eben auch mit Wahrnehmungen, Emotionen, Einstellungen, Konditionierungen, Bewusstsein und Unterbewusstsein ausgestattet.

Die Technik ermöglicht zwar, dass eine E-Mail schnell beim Empfänger ankommt, das heißt aber nicht, dass die Arbeit auch schnell(er) getan ist.

Dem Menschen eigen ist nun mal, dass er über den Input nachdenkt und auf diese Weise erst Output im Sinne von Lösungen, Optimierungen und Verbesserungen hervorbringt. Das geschieht indem er den Input aufnimmt, reflektiert, verarbeitet, das Wesentliche erkennt und extrahiert sowie den Ballast wieder aussortiert. Und all das braucht eben Zeit!

Luc Boltanski und Ève Chiapello beschreiben in ihrem Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“ den „flexiblen Neo-Kapitalismus“. Durch diesen sei die Freiheit der Arbeiter gestiegen, dafür aber auch die Unsicherheit des Jobs und die zu erbringende Flexibilität.

In einem Interview mit einem österreichischen Journalisten erklärt Chiapello, dass das Künstlerleben als eine Lebensmodell-Alternative zum Kapitalismus angesehen wurde, weil es eben für das freie, selbstbestimmte Arbeiten steht.

An dieser Stelle möchte ich ganz stark betonen, dass Künstler in der Regel ihre Kreativität und damit ihre Arbeit erst entfalten können, gerade wenn sie von Leistungszwängen frei sind und sich zwischen Tun und Nichts-Tun bewegen. Nur in diesem Raum kann Kreativität entstehen.

Doch auf alle Nicht-Künstler bezogen gilt auch im „flexiblen Neo-Kapitalismus“ weiterhin, dass Leistung, Zeit und Optimierung unsere Arbeitswelt regieren und das Arbeitsergebnis daran gemessen wird.

Wir waren und sind eine Leistungsgesellschaft. Vielleicht denken Sie nun: „Das ist mir bewusst.“ Aber ich frage Sie: Wie bewusst ist uns das „wirklich, wirklich“?, um im Jargon des New Work Konzeptes zu bleiben.

Und vor allem, was machen wir in der praktischen Umsetzung daraus? Denn selbst wenn der Mensch weiß, was er „wirklich, wirklich will“, so reicht das alleine nicht aus, um das eigene Neue Arbeiten in Harmonie mit dem eigenen Selbst zu leben.

Wenn sich nun im Zuge des Neuen Arbeitens wirklich etwas verändern und zum Positiven für den Menschen in der Arbeitswelt entwickeln soll, dann muss sich der Mensch als Mensch verstehen und sich entsprechend emanzipieren (dürfen) – mit all seinen Anteilen. Was an sich schon verrückt ist, da der Mensch doch der Schöpfer all dessen ist, worüber wir uns hier Gedanken machen.

Aber zurück. Was kann das heißen: Die Emanzipation des Menschen als Mensch? Meiner Meinung nach fängt das einerseits bei jedem Einzelnen im Kleinen und andererseits gleichzeitig im Arbeits-Kollektiv an. Das ursprünglich Menschliche ist eben, dass wir keine automatisierten Leistungsmaschinen sind, die jeden Tag den gleichen Output erzielen können. Das Wesentliche ist, dass der Mensch Grenzen hat, sei es der Körper als sichtbare physische Grenze, sei es das Ruhe-, Nichts-Tun- und Schlafbedürfnis zur körperlichen und geistigen Regeneration.

Ganz banal wieder: Technologien und Künstliche Intelligenzen sind 24/7-Spaces, aber 24/7 ist out of space des Menschlichen.

Das Akzeptieren und Annehmen der Grenzen

Ich möchte das Neue Arbeiten nicht als DAS Neue Arbeiten ansehen. Es gibt stattdessen so viele verschiedene Ausprägungen (flexible Arbeitszeiten, Home Office, Coworking Spaces, Teilzeit, flache Hierarchien, Digitalisierung, Automatisierung u.v.m.) und so viele Arbeitsfelder, die bis dato in keiner Weise vom Neuen Arbeiten profitieren. Ich möchte vielmehr darauf eingehen, dass das erschöpfte Selbst im „neuen Geist des Kapitalismus“ flächendeckend vorhanden ist, selbst wenn man macht, was man wirklich will.

In letzter Zeit entdecke ich vermehrt Artikel mit Überschriften wie dieser: „So vermeidet ihr als Yogalehrer den Burn-out“ oder „So gelingt ein entschleunigtes Leben“. Ob Burn-out (-Gefahr) oder der Wunsch nach Entschleunigung, Grenzen sind das Thema und der Schlüssel zum gesunden, gelingenden Leben.

In der Arbeitswelt dominieren bis dato folgende Empfindungen zur Arbeit: schwer, hart, anstrengend, ernst, kompliziert. Der Druck auf den Einzelnen steigt immer mehr trotz Selbstbestimmung. Wir müssen in kürzerer Zeit immer mehr leisten. Wer es anders machen möchte, der muss doppelt oder dreifach so hart arbeiten wie die anderen. Und und und.

Hier setzt jener Punkt an, dass ich als Mensch nicht nur wissen sollte, was ich wirklich will, sondern eben auch, wo meine Grenze des mir Möglichen und mein gesundes Maß der Realisierbarkeit liegen: Ich muss wissen, was ich wirklich leisten kann und ab wann genug einfach (gut) genug ist.

Grenzen zu haben, diese anzunehmen und zu akzeptieren ist genauso menschlich wie das eigene Potenzial zu erkennen, zu entfalten und zu leben. Es sind die zwei Seiten der gleichen Medaille. Leistung zu erbringen und zu funktionieren gelingt nur dann nachhaltig, wenn auch der Raum der Regeneration, der Muße, des Nach-Sinnens, des Nichts-Tuns Beachtung findet. Und hier ist jeder Einzelne mehr denn je gefordert  und zwar jetzt, hier und heute. Die kapitalistischen Grundstrukturen können wir nicht mal eben so abschaffen, sie sind immer noch gesetzt. Wir können aber unsere Vorstellungen und Einstellung zur Arbeit ändern.

Spielen, digitale Kompetenz & Neue Kommunikation

Parallel zur permanenten Selbstoptimierung und dem Selbstverwirklichungswahn werden Stimmen laut, die das Spiel mit ins Spiel bringen. So fordern der Neurobiologe Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch in ihrem gemeinsamen Buch „Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist“ die Kraft des Spielens wieder zu entdecken und für uns zu nutzen (eine Leseprobe finden Sie hier).

Auch sogenannte Gamification-Experten sind auf dem Vormarsch und verbinden die positive Einstellung zum Spiel mit den Herausforderungen der neuen Arbeitswelt. Roman Rackwitz, einer der Pioniere, macht sich in diesem Kontext für die „Engagement Economy“ stark. Was hier mit der spielerischen Komponente verbunden wird, ist das Erlernen von neuen Technologien, Prozessen und Arbeitsweisen. Und ganz generell haben wir alle Bildungsbedarf in unserer digitalen Kompetenz. Die positive Nutzung der Digitalisierung setzt Bildung voraus.

Bildung setzt Mitdenken, Selbstdenken, Nachdenken und kritisches Hinterfragen voraus. Die Generation Y, zu der auch ich zähle, wird so genannt, weil sie das Warum (das Why) er- und hinterfragt. Wer die positiven Seiten der Digitalisierung in der Arbeitswelt nutzbar machen möchte, der sollte in seinem Unternehmen genau dieses Denken begrüßen und als Führungskraft keine Angst vor Fragen haben, sei es von der Gen Y oder allen anderen Generationen.

Hier komme ich auch zu meinem Schlusspunkt, denn dies setzt eine Unternehmenskultur voraus, in der die transparente, wertschätzende Kommunikation auch tatsächlich gelebt wird. Das Neue Arbeiten, egal wie genau es individuell gestaltet ist, braucht eine Neue Kommunikation. Eine Kommunikation, die das Mit- und Selbstdenken erlaubt, das Miteinanderreden in den Vordergrund stellt und dabei gemeinsam die realen Grenzen absteckt sowie die gemeinsam machbaren Ziele anstrebt. Der Einzelne, das Team und die Unternehmung müssen Grenzen haben dürfen.

Wie das im Speziellen aussieht, das ist ebenso unterschiedlich wie die Formen des Neuen Arbeitens selbst. Entscheidend ist, dass Führungskräfte nicht nur die Kennzahlen im Blick haben, sondern auch ihre Mitarbeiter, die eben Mitmenschen mit Grenzen sind.

Vor allem Führungskräfte wie auch Selbstständige brauchen die Kompetenz der klaren Kommunikation. Das wiederum setzt voraus, dass die Person weiß, was wirklich wesentlich ist. Und das wiederum setzt voraus, dass der Mensch ein Bewusstsein von sich als Mensch und ein Bewusstsein für seine Mit-Menschen und die Arbeitsorganisation hat.

Diese Neue Arbeitsorganisation setzt auf Kohärenz und Kooperation sowie auf ein stabiles Netzwerk und den regelmäßigen persönlichen Austausch in diesem. Dann können wir zum Beispiel einen Teil des Effizienzbestrebens auf unsere Kommunikation umlegen, diese bewusster, achtsamer und dadurch nachhaltiger gestalten. Achtsame Kommunikation entlastet die Beziehungen der Menschen untereinander und fördert die gemeinsame Sache. Und ja, diese Form der Kommunikation braucht ebenfalls Bildung und Zeit.

Aber das ist ein Beispiel, wie der Mensch (wieder) zum Gestalter des Neuen Arbeitens werden kann und wie er den wahren Instrumenten, den Technologien, Kommunikationsmittel usw. an die Position rückt, die ihnen eigen ist nämlich eine Erleichterung für die Menschen und deren Arbeit zu sein, so dass das (erschöpfte) Selbst Zeit gewinnt, statt unter permanentem Zeit- und Optimierungsdruck zu stehen.

Die Autorin:

Sara Baier ist freiberufliche Kommunikationsberaterin und Strategin, Content Marketing Managerin, PR-Texterin und Autorin. Nach ihrem Studium der Medienwirtschaft (Diplom, FH) mit den Schwerpunkten Marketing- und Medienmanagement ging sie von Köln nach Berlin und absolvierte ein PR-Volontariat.

Es folgten Festanstellungen im Bereich der Markenkommunikation für Lifestyle- und Musik-Projekte.

Nach einer tiefgehenden Sinnkrise ging ihr die Frage „Wie sieht ein gesundes, gelingendes Leben aus?“ nicht mehr aus dem Kopf. Sie stellte ihr Leben auf den Kopf: Denn nach einer ebenso tiefgehenden Auszeit zog sie wieder nach Köln, machte sich (wieder) selbstständig und begann 2013 ihr Zweitstudium an der Universität Bonn. Seitdem studiert sie Philosophie aus vollem Herzen und möchte als Autorin Brücken schlagen zwischen der „(alten) Liebe zur Weisheit“ und den aktuellen menschlichen Themen. In diesem Kontext bloggt sie mit einem Team zu Themen der #Lebenskunst4Null.

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