Allgemein Arbeitswelt

Home Office – Fluch oder Segen?

Rahmenbedingungen müssen stimmen

Der eine schwärmt von Freiheit und Stauvermeidung, der andere stöhnt unter Doppelbelastung und Stress. In jüngeren Studien ist die Heimarbeit in Verruf gekommen. Das liegt zum Teil an überzogenen Erwartungen. Allerdings kann Heimarbeit auch produktiv und gesund sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Hier finden Sie die Gebrauchsanweisung.

18. September 2017 1004 Aufrufe

Pro und Contra Home Office

Die digitale Arbeitswelt macht es möglich: Immer mehr Unternehmen und Mitarbeiter setzen auf Home Office. Viele Argumente sprechen dafür: Arbeit und Familie lassen sich besser vereinbaren, man steht nicht mehr jeden Morgen und Abend im Stau, arbeitet ungestört in einer vertrauten Umgebung… 30 Prozent der Unternehmen bieten mittlerweile Heimarbeit an. Doch das Paradies sieht anders aus. Anfang 2017 machte ein Video die Runde, in dem ein Professor mitten in einem Live-Interview mit der BBC von seinen Kindern unterbrochen wurde. IBM, ein Unternehmen, das lange Zeit Home Office propagierte und praktizierte, beorderte seine Mitarbeiter „back to barracks“.

Studien werfen Zweifel auf

Eine Studie der Arbeitsorganisation ILO der Vereinten Nationen und der Europäischen Stiftung Eurofund mit dem Titel „Arbeiten jederzeit und überall: Auswirkungen auf die Arbeitswelt“ belegte, dass alle Telearbeiter im Vergleich zu ihren Kollegen am Bürostandort anfälliger seien für Krankheiten und Stress-Symptome. 42 Prozent von ihnen leiden unter Schlafstörungen. Was die Produktivität betrifft, so glauben die meisten Telearbeiter, im Home Office adäquat arbeiten zu können. Aber nur 30 Prozent der Unternehmen teilen diese Meinung, wie eine Studie des Jobportals Monster belegt. Dagegen befürchtet ein Großteil der Arbeitgeber, dass die Produktivität im Home Office sinke. Und wie steht es um den Austausch mit Kollegen? Den kreativen Flow zwischen Windeln und Abwasch? Die Karrierechancen von Mitarbeitern, die der Chef kaum je zu Gesicht bekommt?

Ist Home Office schlecht?

Plakative Aussagen werden einem komplexen Problem nicht gerecht. Die Probleme liegen nämlich auf mehreren Ebenen.

Die menschliche Ebene

Manche Menschen arbeiten in aller Abgeschiedenheit am besten. Sie lieben die Stille und können sich ausschließlich auf ihre Arbeit fokussieren. Andere, extrovertierte Menschen haben in derselben Situation das Gefühl zu versauern. Die Einsamkeit schlägt ihnen aufs Gemüt. Sie reagieren im schlimmsten Fall mit psychosomatischen Störungen bis hin zu Depressionen und Burn Out.
Folgerung: Heimarbeit muss zum Typ passen.

Die Arbeitssituation daheim

Frischgebackene Eltern neigen dazu, sich zu überfordern. Kein Wunder, stehen sie doch mit rund 30 Jahren in einer Lebensphase, in der sie beruflich und privat weiterkommen möchten. Gerade junge Frauen unterschätzen den Stress, ein Baby zu versorgen und zugleich im Betrieb am Ball zu bleiben. Auch kranke oder behinderte Kinder oder die Pflege von Angehörigen sind mit einem Acht-Stunden-Tag als Telearbeiter schlechterdings unvereinbar. Andere Schwierigkeiten können aus Platzmangel resultieren. Ein winziger Computertisch in der Diele oder ein Laptop in der belebten Wohngemeinschaftsküche sind keine produktivitätsfördernden Arbeitsplätze.
Folgerung: Die familiäre und räumliche Situation muss ungestörte Telearbeit ermöglichen.

Das Zeitmanagement

Prokrastination ist ein neues Modewort. Es meint das Aufschieben von notwendigen Arbeiten bis zum allerletzten Termin. Manchen Telearbeitern fehlt schlicht die Disziplin, das Arbeiten zuhause durchzuhalten. Die soziale Kontrolle des Büros fehlt, stattdessen gibt es tausend Ablenkungen.
Folgerung: Telearbeiter brauchen Disziplin und ein gutes Zeitmanagement. Arbeitgeber sollten die Heimarbeit in einer Weise begleiten, dass sich der Mitarbeiter nicht überwacht, aber auch nicht alleingelassen fühlt.

Der Austausch mit Kollegen

Kreativer Austausch ist keine Einbahnstraße. Arbeitet ein kreativer Kopf im Home Office, geht seiner Abteilung etwas verloren. Im umgekehrten Fall ist ein weniger kreativer Mitarbeiter daheim vom Ideenreichtum der Kollegen abgeschnitten. Auch die Plaudereien an der Kaffeemaschine und den Flurfunk wird er möglicherweise schmerzlich vermissen. Daraus kann eine schleichende Entsolidarisierung des Mitarbeiters mit seiner Firma erwachsen, die er nicht mehr als sein Arbeitsumfeld wahrnimmt. Dagegen lässt sich etwas tun. Chatprogramme und Videotelefonate können die Abkapselung des Heimarbeiters durchbrechen.
Home Office
Ein wenig Zuspruch kann Wunder wirken

Folgerung: Es genügt nicht, dem Heimarbeiter seine Arbeit auf den Server zu stellen und einen Termin einzutragen. Auch die Kommunikation mit Kollegen muss gewährleistet sein.

Die Arbeitgeberseite

Arbeitgeber und Vorgesetzte sollten sich selbstkritisch fragen, ob sie bereit sind, Telearbeiter als vollwertige Mitarbeiter wahrzunehmen. Sie sollten unbedingt den Kontakt halten und auch ihre Wertschätzung und Anerkennung für die Leistung der Heimarbeiter bekunden. Es darf nicht dazu kommen, dass sich Mitarbeiter im Home Office vernachlässigt, isoliert und missachtet fühlen. Ein weiteres Problem entsteht, wenn von Heimarbeitern erwartet wird, dass sie rund um die Uhr zur Verfügung stehen.
Folgerung: Telearbeiter brauchen ebenso wie Büroarbeiter die Zuwendung ihrer Führungskräfte und einen strukturierten Arbeitstag ohne permanente Erreichbarkeit.

Die Art der Tätigkeit

Es gibt auch eine Studie, die besagt: Heimarbeiter sind seltener krank, machen kürzere Pausen und kommen auf eine 13 Prozent höhere Produktivität. Befragt wurden allerdings nur Callcenter-Mitarbeiter eines Reiseveranstalters. Dieser Befund lehrt uns: Manche Tätigkeit eignet sich besser für Telearbeit, manche aber auch schlechter. Die umfassendere Studie, die oben zitiert wurde, betrachtet drei Gruppen von Telearbeitern:
  • Personen, die teils im Home Office und teils im Büro arbeiten,
  • hochmobile Mitarbeiter, die überall arbeiten, nur nicht im Büro,
  • Angestellte, die regelmäßig von zuhause aus arbeiten.
Es existiert also zumindest eine Gruppe, die gar nicht vom Büro aus arbeiten kann: die hochmobile. Vielleicht treibt diese Gruppe ja auch die Stress- und Schlafstörungs-Quote nach oben?
Folgerung: Telearbeit sollte nicht nur zur Person, sondern auch zur Tätigkeit passen. Hier sollte jedes Unternehmen eigene Erfahrungen machen.

Die eingesetzten Tools und Methoden

Ein E-Mail-Account und eine Netzwerkfreigabe reichen nicht aus. Heimarbeiter benötigen eine zeitgemäße e-Collaboration-Plattform, auf der sie gemeinsam mit ihren Kollegen arbeiten können. Sie brauchen Zugriff auf Anwendungen und Informationen, die sie für ihre Arbeit benötigen. Integrierte Unternehmenssoftware aus der Cloud bietet einen solchen Echtzeit-Zugriff auf Daten und Anwendungen. Außerdem macht sie Abläufe transparent. Der Heimarbeiter sieht nicht nur einen kleinen Ausschnitt der Vorgänge, sondern – soweit notwendig und sinnvoll – das große Ganze. Er kennt seine Rolle im Prozess und weiß, wozu seine Arbeit gut ist. Workflows schaffen die notwendige Sicherheit, damit auch im Home Office immer Klarheit darüber herrscht, was wann zu tun ist. Eine Zeiterfassungsfunktion macht es den Heimarbeitern leicht, den Nachweis über ihre Leistung zu erbringen, und zerstreut Bedenken von Arbeitgebern.
Folgerung: Telearbeiter sollten durch definierte Prozesse und eine integrierte, Cloud-gestützte Unternehmenssoftware unterstützt werden.

Home Office-Schulung anbieten

In Anbetracht der vielen Herausforderungen ist es sinnvoll, eine Schulung für Telearbeiter und ihre Manager zu entwickeln. Darin sollten alle die aufgelisteten Punkte offen zur Sprache kommen und praxisnahe Lösungen und Workflows eingeübt werden. Mitarbeiter sollten in Zeitmanagement und Arbeitsorganisation geschult werden, Vorgesetzte ihr Wissen über Führung von dezentralen Teams ausbauen. Die bereits gemachten Erfahrungen mit Home Office sollten in diese Schulung einbezogen werden.

Zentrale Anlaufstelle im Unternehmen

Es wäre auch zu überlegen, ob für Telearbeiter eine zentrale Anlaufstelle im Unternehmen benannt wird, die den Mitarbeitern mit Rat und Tat hilft. Manche Mitarbeiter geben Probleme vor ihren Vorgesetzten ungern zu. Darüber hinaus ist es gut, wenn eine kompetente Kraft in der HR-Abteilung das Feedback der Telearbeiter sammelt und entsprechend den Überblick hat, welche Probleme häufig auftreten. So können Prozesse verbessert und Handreichungen entwickelt werden. Anschließend kann ein Leitfaden für Telearbeiter entwickelt werden. Und wenn alles nichts hilft, ist es wichtig, auch eine „Rückfahrkarte“ ins Büro anzubieten. Wer sich ohne dieses professionelle Umfeld nicht wohlfühlt, der sollte ohne Gesichtsverlust an den Firmenschreibtisch zurückkehren können.

Fazit

Der eine schwärmt von Freiheit und Stauvermeidung, der andere stöhnt unter Doppelbelastung und Stress. In jüngeren Studien ist die Heimarbeit in Verruf gekommen. Das liegt zum Teil an überzogenen Erwartungen, sowohl der Mitarbeiter wie ihrer Vorgesetzten. Erreichbarkeit rund um die Uhr ist ebenso ein Mythos wie das Märchen von der mühelosen Work-Life-Balance. Heimarbeit kann produktiv und gesund sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Unternehmen sollten daher die Einzelaspekte für sich klären, in Schulungen vermitteln und als Richtlinie kommunizieren.
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