Die Neuerfindung der Arbeitswelt

Wissens- und Erfahrungshorizonte: Die Arbeit der Zukunft kommt

Modern Times? Für Charlie Chaplin hieß das Fabrikarbeit unter Schwefeltürmen; eintöniges, rein körperliches Schuften; eine rigide, autoritäre Arbeitsteilung; die Reduzierung des Arbeiters auf den Roboter aus Fleisch und Blut: Der Mensch wird in seiner Bedeutung, oder besser in seiner Anwendung zu einem bloßen Anhängsel der Maschine.

Moderne Zeiten! Düstere, rauchverhangene Fabriken und ausgebeutete Arbeiter waren nur ein Extrem der Arbeitswelt des Industriezeitalters. Heute ist es damit zumindest in unseren Breiten endgültig vorbei: Wir haben in den letzten Jahrzehnten Stück für Stück die auf Schweiß und Lohn ausgerichteten Paradigmen der Produktion abgebaut. In diesem Zeitalter der Digitalisierung erleben wir radikale Veränderungen in der Arbeitswelt.

Der Aufbruch

Der Einsatz neuer Technologien unterwirft die Kultur der Arbeitswelt einem steten Wandel. Die Digitalisierung erfasst inzwischen alle Lebens- und Arbeitsbereiche. Sei es die Welt der Politik oder der Finanzen, sei es in der Wirtschaft oder bei Themen wie Kultur und Bildung: Der Umbruch verändert die Interaktion des Miteinanders auf dem Arbeitsmarkt wie in allen Ebenen der Gesellschaft.

Dieser Wandel betrifft nicht zuletzt die Dienstleistungsbranchen. Unternehmen müssen ihre Services und Leistungen den neuen Strukturen einer rasanten Zeit anpassen: Die Uhr tickt zugunsten neuer Wettbewerbsregeln. Der Beruf als solcher wandelt sich mit der Wirtschaft und der Technologie gleichermaßen, wie sich mit der Gesellschaft auch die Rolle der Arbeitnehmer verändert. Alte Branchen werden neu definiert, neue entstehen. Politik und Wirtschaft sind hier gefordert, um die Veränderungen innerhalb der Gesellschaft im Sinne aller Männer und Frauen zu gestalten.

Unter diesen Eindrücken verschmelzen Konzepte des Neues Arbeitens mit Innovationen der digitalisierten Welt und offenbaren das Streben nach einer Neuerfindung unserer Arbeitswelt.

Die Wissensgesellschaft – Arbeitswelt im Wandel

Was sich uns heute aus der Welt von Arbeit und Beruf offenbart, ist ein Wandel hin zu einer Kultur der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft. Er verlangt vom Arbeitnehmer lebenslanges Lernen, da seine Qualifikationen, seine Erfahrungen und sein Wissen schnell veralten können. Der einmal erlernte Beruf erfährt im Laufe eines Arbeitslebens unzählige Transformationen.

Für die junge Generation (Generation Y) bedeutet das, stets offen für neue Entwicklungen sein zu müssen. Allerdings bietet sich ihr im Beruf umso mehr die Chance, der eigenen Karriere eine individuelle Note zu verleihen. Sie kann dabei die erste Generation stellen, deren Kapital sich nicht mehr im Standard des Lohnarbeiters in Job und Büro erschöpft, sondern in dem des Wissen vermittelnden Mitarbeiters.

Zersplitterung der Arbeitszeiten durch neue Arbeitszeitmodelle

Auch die Uhr der Arbeitszeit ändert im Berufsleben ihren Takt hörbar: Der simple Job im Büro – besonders im 9-to-5-System – muss angesichts der Aufsplitterung der Beschäftigungsverhältnisse fast schon als Auslaufmodell erscheinen. Die Teilzeitquote hat sich gegenüber dem Jahr 1992 mittlerweile verdoppelt und beträgt 27%.

Das Arbeiten in Projekten, auf Zeit oder als Freelancer ersetzt dabei mehr und mehr herkömmliche Beschäftigungsverhältnisse mit klassischem Arbeitsvertrag. Immer mehr Männer und Frauen interessieren sich für flexible Arbeitszeitmodelle. Der Vorgesetzte steht dabei vor der Herausforderung, sein Team bestmöglich in Hinblick auf Zeit und Verfügbarkeit – entsprechend der Strukturen der zukünftigen Arbeit – zu organisieren.

Die Arbeit der Zukunft – Emanzipation im Beruf?

Viele Ideen, Ziele und Konzepte des Neuen Arbeitens sind heute Patenkinder der Digitalen Transformation geworden: Das New Work gilt hierbei als Gegenstück zur gewohnten Lohnarbeit und entstand als neues Konzept von Arbeit und Führung, um sich von herkömmlichen Job-Systemen zu lösen. Zweck ist unter anderem die Erlangung einer Handlungsfreiheit (nach Frithjof Bergmann) in der Sphäre von Arbeit und Büro, zumindest in der Übergangsphase besonders für die Arbeitnehmer.

Der Weg dahin besteht zum Beispiel in der Relativierung industrieller bzw. frühkapitalistischer Zeit- und Kommandostrukturen – zugunsten einer flacheren Hierarchie im Job. Lineare Führungsstrukturen lassen sich demzufolge nicht mehr mit den Anforderungen – aber auch den Möglichkeiten – der digitalisierten Arbeitswelt kombinieren: So findet etwa ein Großteil der Arbeit längst online statt; die Horizonte aller Themen und die Geschwindigkeit im Net verlangen ein Maß an Flexibilität und fachlicher Kompetenz, das nur durch ein lebenslanges Aktualisieren und Erweitern der eigenen Fähigkeiten erreicht werden kann. Führungsmuster alten Stils stünden dieser selbstverantwortlichen Entfaltung der Karriere im Weg.

Unter anderem in Verbindung mit dem Modell der Wissensgesellschaft, ebenso aber auch im Sinne einer menschen- und familienfreundlicheren Gestaltung von Arbeit und Beruf, geht es umfassend um die Chance auf eine neue Kultur bzw. Neudefinition von Führung. So lauter diese Ambitionen klingen mögen, Experten warnen vor damit verbundenen Risiken in der Arbeitswelt. Zudem gilt für alle Parteien zu berücksichtigen, dass auch die Arbeit als solche intensiviert werden muss, um mit der immer schneller laufenden Uhr Schritt halten zu können. Der Spagat zwischen Tradition und Wandel, die Aufnahme neuer Strukturen unter Bewahrung des Altbewährten gehört somit zu den unausweichlichen Herausforderungen in der Zukunft der Arbeit.

Auf den Bannern des Neuen Arbeitens prangt nicht zuletzt die Förderung der Eigenständigkeit und der Kompetenzen aller Beteiligten und nicht nur der nominell Verantwortlichen – in einer digitalen wie humanen Arbeitsgemeinschaft. Die Selbständigkeit und Freiheit des Einzelnen sowie seine Teilhabe an der Gesellschaft waren und sind Ideale emanzipatorischer Prozesse und machen vor Karriere, Job und Arbeitsmarkt nicht halt.

Was soll uns diese Neuerfindung der Arbeitswelt bescheren? Zusammenfassend geht es um die Entfaltung und die Kreativität der eigenen Persönlichkeit im Beruf um die Chance, seine eigenen Ideen, sein eigenes Wissen vorzubringen und anwenden zu können. Das Habitat hierfür soll sich in einer Arbeitsgemeinschaft mit modernen Hierarchie-Strukturen finden, die sich etwa am Prinzip der Holacracy (Holokratie) orientieren. Das Ziel liegt in einer optimalen Ausschöpfung der Fähigkeiten aller Beteiligten. In diesen wesentlichen Motiven offenbart sich uns heute das Ideal der Arbeit der Zukunft.

Slider