Was modernes Arbeiten für mich bedeutet

Generation Y

Ein Erfahrungsbericht der Generation Y

Flexibles Arbeiten statt starrer Hierarchien, Sinnhaftigkeit statt Firmenwagen: Junge Menschen stellen neue Anforderungen an die Arbeitswelt. In dieser Reihe berichten sie von ihren Vorstellungen und Erwartungen.

08. Mai 2018 460 Aufrufe

Bevor ich mit dem eigentlichen Thema beginne, möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin 22 Jahre alt, bin im Süden Deutschlands am schönen Bodensee aufgewachsen und habe dort 2016 mein Abitur gemacht. Während meiner Schulzeit habe ich drei Jahre und sieben Monate bei Edeka gearbeitet. Anfangs lediglich als Aushilfe an der Kasse eingestellt, bekam ich im Laufe der Zeit immer verantwortungsvollere Aufgaben zugeteilt, was bis zum Einlernen von neuem Personal oder Azubis im Kassenbereich reichte. Davor hatte ich bereits diverse Ferienjobs und es war für mich schon immer wichtig, auch eigenes Geld zu haben. Ich habe mit 14 Jahren das erste Mal abgelehnt, in meine Rente einzuzahlen, und das hat sich damals schon ziemlich erwachsen angefühlt.

Nach meinem Abitur habe ich sechs Monate in einem Großraumbüro in der Schweiz als Call/Service Agent in der Telekommunikationsbranche gearbeitet und den „old fashioned“ Kapitalismus richtig zu spüren bekommen. Es ging darum, so produktiv und kundenorientiert wie möglich zu arbeiten, und dafür wurden sämtliche Mitarbeiter permanent überwacht und regelmäßig kontrolliert. So möchte ich nicht noch einmal in meinem Leben arbeiten müssen.

Als Nächstes stand eine Reise mit dem Fahrrad nach China an, die ich im August 2017 nach fünf Monaten erfolgreich abschloss.

Die Generation Y wird durch Auslandsaufenthalte und Reisen inspiriert.

Auf dieser Reise habe ich viele verschiedene Kulturen kennengelernt und konnte somit auch viele verschiedene Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen und Einstellungen zu der Arbeit, die verrichtet wurde, beobachten: viele Bauern und Straßenarbeiter, aber auch unzählige Besitzer und Angestellte von kleinen Läden, von denen ich meine Nahrung bezog. Ein Beispiel aus der Türkei, das mir besonders aufgefallen ist: Die Ladenbesitzer dort leben ihren Job, es gibt keine Trennung zwischen Beruf und Freizeit. Sie öffnen morgens und verbringen mehr oder weniger den ganzen Tag im Geschäft, haben quasi „open end“ geöffnet. Sie kennen die Kundschaft, trinken Cay (türkischer Schwarztee) mit ihnen und bereden alles, was es so zu bereden gibt.

Der Trend geht momentan zu immer weniger wöchentlichen Arbeitsstunden bei gleichem Gehalt, die Arbeitenden möchten gerne so effizient wie möglich arbeiten, um dann so viel Freizeit wie möglich zu haben – Burnout bekommen für ein paar Stunden mehr Freizeit. Warum machen wir es nicht so wie der türkische Ladenbesitzer? Er liebt das, was er macht, und hat kein Problem damit, erst um 23 Uhr zu schließen und den Laden am nächsten Morgen wieder um 9 Uhr zu öffnen, und das ganz ohne Burnout. Der Arbeitsalltag wird so gestaltet, dass er nicht belastend ist, sondern einfach im Leben integriert ist.

Nach der Reise, im September 2017, fing das erste Semester an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft an. Ich begann mit dem Studiengang „BWL-Wirtschaft neu denken“ in einer Art dualen Form, d.h. ich habe ein Unternehmen als Praxispartner, bei dem ich gelerntes Wissen anwenden und vertiefen kann. Dort arbeite ich an einem Nachhaltigkeitsprojekt, das sich mit den Auswirkungen des Unternehmens auf Umwelt und Gesellschaft befasst. Das Ziel des Projektes ist, die negativen Effekte zu messen, zu reduzieren und natürlich im besten Fall zu eliminieren. Mein Praxispartner ist ein Unternehmen, das in der Chemiebranche tätig ist und Farben in allen Ausführungen für Kindergärten, Schulen und Künstler herstellt. Als ich am 1. Januar 2018 mit dem Zug in Hamburg Altona ankam, war ich durch und durch erschöpft und kein bisschen motiviert, am 2. Januar zu arbeiten. Arbeiten hat für mich bis dato immer Abbau bedeutet, also immer eine Art von Erschöpfung bewirkt. Nach neun Stunden bei Edeka an der Kasse wollte ich einfach mit niemandem mehr sprechen und nur noch alleine sein, und nach neun Stunden im Callcenter können Sie sich wahrscheinlich vorstellen, wie ich mich gefühlt haben musste.

Von Hamburg aus fuhr ich weiter zu meinem Unternehmen, schlief in der Bahn ein. Kam endlich dort an. Die Mitarbeiter wurden mit einem Neujahrsfrühstück/-meeting begrüßt. Die Stimmung war gut. Mein Ansprechpartner wurde mir vorgestellt und mir mein Projekt mitgeteilt und man fragte mich, ob ich damit einverstanden sei. Ich willigte mit großem Interesse ein. Mir wurde mein Arbeitsplatz gezeigt: ein großer Raum mit drei Arbeitsplätzen, angenehmes Licht, genügend Luft zum Atmen, kein Stempelchip zur Kontrolle der Stunden. Ich musste im Arbeitsparadies gelandet sein! Mein Ansprechpartner sagte mir, wenn ich Recherche in Bibliotheken betreiben oder auf Veranstaltungen gehen möchte, die das Projekt weiterbringen, benötige er lediglich eine kurze Benachrichtigung per E-Mail, ich müsse dazu nicht im Büro erscheinen. Auch hatte ich jeden Freitag frei, um Home-Office zu machen oder durch verschiedene Aktivitäten Impulse aufzugreifen. Selbstmanagement war das
Kredo und das kam mir sehr gelegen, da ich über das Thema einmal eine sechzigseitige Hausarbeit verfasst habe und ich schon immer gerne unabhängig und eigenständig war.

Bevor die Arbeit am Projekt jedoch wirklich begann, ging es fünf Wochen lang durch alle Stufen der Produktion, um Mitarbeiter und Prozesse kennenzulernen.
Mein Ansprechpartner saß im gleichen Büro und dazu noch direkt mir gegenüber, was eine perfekte Kommunikation ermöglichte und regelmäßige Meetings überflüssig machte. Das Ziel war das Einzige was zählte, ich konnte mir den Weg komplett frei auswählen, was dazu führte, dass ich ziemlich schnell begann, für die Arbeit zu brennen. Wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam war ich nicht erschöpft, sondern fühlte mich bereichert, und ich hatte auch kein Problem damit, in meiner Freizeit weitere Ideen zu entwickeln und mir Wissen anzueignen. Im Gegensatz zu all meinen früheren Jobs lebe ich diese Arbeit und mache sie gerne, weil es mein Projekt ist und mich persönlich in vielen Ebenen weiterbringt.

Die größte Differenz zu anderen Unternehmen ging auch von der Geschäftsleitung aus. Ich habe volles Vertrauen und Ressourcen, um das Projekt erfolgreich voranzubringen. In vielen Unternehmen ist die Geschäftsführung daran schuld, dass die Nachhaltigkeit nur als Mittel des Greenwashings angewendet und nicht wirklich unterstützt wird, weder finanziell noch strukturell. Ich hingegen habe einen Computer, ein Telefon, einen schönen Arbeitsplatz und alle Unterstützung, die ich angefordert habe, aus allen Abteilungen bekommen – ich fühle mich wie auf einem Spielplatz für Erwachsene.

Das Prinzip des Vertrauens und der Selbstorganisation ergibt eine Mischung aus Freiheit, in der viel entstehen kann. Das Projekt war innerhalb von fünf Wochen schon so weit, dass erste Zwischenergebnisse präsentiert werden konnten, und es hat eine Laufzeit von drei Jahren. Sie können sich vorstellen, was da noch alles passieren kann. Ich darf einen Beitrag zum Ganzen leisten in dem von mir gewählten Weg, und das ist für mich mehr wert als alles Geld der Welt.

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