Generation Y – Mythos oder Wahrheit

Generation Y

Versuch einer Generationenbeschreibung

Sie gelten als karrierekritisch und individualistisch, dann wieder als angepasst und leistungsorientiert. Die Meinungen über die Mitglieder der Generation Y gehen auseinander. Ist die Generation Y nur ein Mythos der Personalabteilungen und Karriereberater?

25. Juli 2018 1049 Aufrufe

Seit Jahren schreibe ich Fachbeiträge im Blog von Scopevisio. Als Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge gehöre ich selbst eigentlich nicht zur Generation Y. Aber meine Kinder und viele Bekannte und Kollegen gehören dazu. Wenn ich im folgenden Artikel die Mythen, die der Generation Y anhaften, ein wenig gegen den Strich bürste, spiegelt das meine eigene Meinung wider, und nicht unbedingt die der Scopevisio AG. 

Generation Y – gibt es die überhaupt?

Je nachdem, welche Quellen Sie lesen, ist die Generation Y entweder zwischen 1980 und 1990 oder zwischen 1980 und 2000 oder zwischen 1985 und 2000 geboren.

Was für eine Generation soll das sein, die Menschen im Alter von 18 bis 38 umfasst? Dazu Frauen und Männer, kontaktfreudige und scheue, Leute mit viel oder wenig Selbstvertrauen, Promovierte und Pennäler, Einheimische und Migranten… Kann man diese Menschen über einen Kamm scheren?

Auch sollte man nicht ignorieren, dass sich Lebensgefühl und Ansprüche in Wechselwirkung mit Umwelt- und Beziehungseinflüssen entwickeln. Hier wirken viele Faktoren zusammen – mit ganz unterschiedlichen Auswirkungen auf die individuellen Charaktere. Gibt es also diese Generation Y überhaupt? Dieser Frage möchte ich hier nachgehen und einige Eigenschaften betrachten, die der Generation Y zugeschrieben werden.

Dichtung und Wahrheit – Ansprüche der Generation Y

Personaler und Medien verbreiten gelegentlich, dass es der Generation Y mehr um Selbstverwirklichung als um Leistung gehe. Dass es sich um einen Haufen von selbstverliebten Egomanen handele, die ernten wollen, ohne gesät zu haben. In Wirklichkeit unterscheiden sich die Wünsche der Generation Y nicht so sehr von denen ihrer Vorgängergenerationen. Die Deutsche Bahn befragte jüngst 130.000 Mitarbeiter, ob sie lieber 2,6 Prozent mehr Lohn oder sechs Tage mehr Urlaub haben wollten. Eine knappe Mehrheit entschied sich für den Urlaub. Das Bemerkenswerte daran: Die Generation Y antwortete keinen Deut anders als alle anderen befragten Altersgruppen. Sie hob sich von diesen in keiner Weise ab.

Wie steht es um die anderen die Eigenschaften, die der Generation Y zugeschrieben werden?

Selbstverwirklichung und Individualität

Es heißt, für die Generation Y seien sinnstiftende Aufgaben wichtiger als Geld. Tatsächlich unterscheidet sie sich darin nicht so sehr von anderen Generationen: Studien zeigen, dass 90 Prozent der Mitarbeiter, die mehr als fünf Jahre bei einem Unternehmen bleiben, dies tun, weil sie dort eine sinnvolle Aufgabe gefunden haben. Ganz unabhängig von dem Alter der Betroffenen. Daraus wird deutlich: Nicht nur den jungen, sondern auch den älteren Arbeitnehmern ist es wichtig, einen Sinn in ihrer Tätigkeit zu erblicken.

Zu seinem Zweihundertjährigen zitiere ich ausnahmsweise Karl Marx (von dem ich ansonsten kein großer Fan bin): Dieser bemängelte schon 1844 die Entfremdung von der Arbeit, den würdelosen Zustand einer sinnentleerten Tätigkeit im aufkommenden Industriezeitalter. Menschen brauchen Sinn. Sonst werden sie depressiv. So einfach ist das.

Generation Y: Teamwork ist ihr wichtig

Work-Life-Balance

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist der Generation Y wichtig. Ganz so, wie den früheren Generationen von Arbeitnehmern. Nur dass heute drei wesentliche Zeitgeist-Aspekte dazukommen:

  • Heute existieren Technologien, die Home Office und Neues Arbeiten ermöglichen.
  • Das Arbeitsrecht und die gesamte Gesellschaft sind lockerer geworden. Werte wie Toleranz, Kreativität und Offenheit stehen mindestens auf derselben Stufe wie die Nachkriegswerte Pünktlichkeit und Fleiß.
  • Heute möchten auch Väter etwas von ihrem Nachwuchs haben und Mütter fordern das Recht auf Karriere für sich ein. Rollen sind durchlässiger geworden. 

Alles in Frage stellen

Generation Y spricht sich Generation „Why?“, weil ihr nachgesagt wird, dass sie alles in Frage stellt. Doch Moment mal: Haben nicht auch schon die 1968er die alles in Frage gestellt? Und die sind ist zwanzig Jahre älter als die Generation Y. Jugend-Forscher Klaus Hurrelmann diagnostiziert, dass diese Generation beim Arbeiten leben und beim Leben arbeiten möchte. Arbeitsqualität ist Lebensqualität. Das antiquierte „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ gilt für die jungen Berufstätigen nicht mehr. „Damit setzen sie neue Maßstäbe und krempeln klammheimlich die Gesellschaft um,“ so Hurrelmann.

Generation Y: Junge Mitarbeiter im Home Office

Wie steht es mit dem Spaßfaktor?

Will die Generation Y vor allem Spaß? Auch hier sind Zweifel und ein Verweis auf frühere Generationen angebracht. Die Großeltern hatten zwar auch viel zu tun, ließen es aber langsam angehen. Man trank Bier zur Mittagspause und saß nachmittags nur noch mit glasigem Blick die Stunden bis Büroschluss ab.

Erst in jüngerer Zeit kam es zu einer Arbeitsverdichtung, die Menschen, die sich rückhaltlos darauf einlassen, in die Erschöpfung treiben kann. Die Generation Y trachtet danach, diese Verdichtung wieder auf ein menschliches Maß zurückstutzen. Mit Faulheit hat das nichts zu tun. Im Gegenteil, die Generation Y arbeitet hart, zielstrebig und erfolgreich.

Generation Y stellt Verantwortung über Machtausübung

Allerdings verfolgt diese Generation oft andere Ziele als ihre Vorgänger. Macht ist ihr weniger wichtig als Lebensglück. Und zum Lebensglück gehört für die Meisten auch die Familiengründung. Sind Menschen verantwortungslos, weil sie eine Familie gründen möchten, statt Abteilungsleiter zu werden? Die Antwort mag sich der geneigte Leser selbst geben.

Also alles beim Alten?

Nicht ganz. In einigen Aspekten sind die jungen Arbeitnehmer (zum Glück) einen Schritt weiter als ihre Elterngeneration.

Konsumhaltung

Die jüngeren Arbeitnehmer von heute sind in einer Konsumgesellschaft groß geworden. Materielle Not, unerfüllte Bedürfnisse haben sie nicht kennengelernt. Das führt zu einer Haltung, in der jeder Mangel ein Makel ist. Die Ansprüche an sich selbst und an die Umgebung sind hoch.

Die Generation Y hat daher wenig Bereitschaft, sich mit schlechten Büromöbeln und veralteten Computerprogrammen herumzuschlagen. Aufgeklärte Arbeitgeber locken Fachkräfte mit zeitgemäßer Software, die Neues Arbeiten ermöglicht.

Dass der Arbeitgeber Obst und Getränke stellt, gilt als Selbstverständlichkeit. Auch eine betriebliche Gesundheitsvorsorge wird gerne gesehen, zum Beispiel Massage am Arbeitsplatz oder Sportangebote.

Wenig Resilienz

Gewöhnt, dass verständnisvolle Eltern und Lehrer ihnen jeden Weg geebnet haben, besitzen manche Vertreter der Generation Y weniger Durchhaltevermögen als frühere Generationen. Wenn etwas nicht klappt, versucht man halt das Nächste. Einige Vertreter der Generation Y haben nicht gelernt, sich durchzubeißen und für sich einzustehen.

Junge Arbeitnehmer verstehen oft nicht, wenn sie auf Widerstände stoßen. Entweder setzen sie dann rücksichtslos ihre Agenda durch, oder sie geben schnell auf, fühlen sich überfordert.

Personaler und Führungskräfte sollten Antennen dafür entwickeln, ob eine wertvolle junge Fachkraft frustriert ist und im Begriff, in die innere Kündigung zu gehen. In dem Fall sollten Sie schnell versuchen, den Mitarbeiter wieder einzufangen.

Die Führungskraft als Coach

Die Generation Y ist bei Eltern aufgewachsen, die nicht mehr zu Kriegszeiten sozialisiert wurden. Eltern, die dem Paradigma von Befehl und Gehorsam entronnen waren und die Flowerpower-Werte von Love Peace and Happiness pflegten. Auch ihren Kindern gegenüber. Prügeln war out, Verständnis war in.

Junge Mitarbeiter wünschen sich infolgedessen ihre Führungskräfte mehr als Coach denn als Befehlshaber. Sie suchen beim Chef Verständnis für ihre Individualität, ihre privaten Anliegen und ihren Arbeitsstil. Sie möchten gelobt, respektiert und gemocht werden.

All das ist kein Problem, so lange der Mitarbeiter die gewünschten Arbeitsergebnisse liefert. Wer mag ihm verübeln, dass er keine Zeit absitzen möchte, wenn seine Arbeit erledigt ist? Liefert die Arbeitshaltung jedoch Konfliktstoff, sollte der Vorgesetzte mit Fingerspitzengefühl vorgehen.

Fazit

So sehr viel anders als frühere Generationen ist die sogenannte Generation Y nicht. In Übereinstimmung mit früheren Generationen wünschen sich junge Arbeitnehmer eine erfüllende, abwechslungsreiche Aufgabe, eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie, genug Freizeit und ausreichend Geld zum Leben.

Stärker als frühere Arbeitnehmer legt die Generation Y Wert auf Selbstbestimmung, flexible Arbeitszeiten und ein harmonisches Arbeitsklima in einer verständnisvollen Umgebung.

Die meisten der berüchtigten „Ansprüche“, die der Generation Y angedichtet werden, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als berechtigte, vernünftige Anliegen. Der Fachkräftemangel verschafft den jungen Mitarbeitern heute eine gute Verhandlungsposition, um diese Anliegen auch durchzusetzen. 

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